
Die Kunst skandinavischer Handwerkskunst: Wo Form auf Funktion trifft
In der heutigen Welt der Massenproduktion und Wegwerflösungen gilt skandinavische Handwerkskunst nach wie vor als Maßstab für die Harmonie zwischen Schönheit und Langlebigkeit. Dabei spielt Holz eine besonders wichtige Rolle – ein Material, das tief in der nordischen Tradition verwurzelt ist und nicht nur eine Ressource darstellt, sondern fast schon zum Protagonisten einer Geschichte über Alltagsgegenstände wird.
In Dänemark war Holz nie reichlich vorhanden – fast die Hälfte Jütlands besteht aus kargen Heideflächen, und wo einst Bäume wuchsen, wurden diese schnell gefällt, um Schiffe zu bauen, ähnlich wie in England. (Ein gutes Beispiel dafür ist der Film Der Bastard mit Mads Mikkelsen, der die Geschichte der ersten Versuche erzählt, diese unfruchtbaren Böden im 18. Jahrhundert zu kultivieren).
Die geschickte Verwendung von Holz war schon lange Teil des dänischen Handwerks, aber erst im 20. Jahrhundert – insbesondere in der zweiten Hälfte – erlangte sie internationale Anerkennung. Deshalb beeindrucken uns Möbel aus den 1950er- und 1960er-Jahren auch heute noch, nicht nur durch ihr Design, sondern auch durch die schiere Qualität ihrer Verarbeitung.
Die Kunst des Verbindens: Fugen als dekorative Elemente
Eines der markantesten und am meisten bewunderten Merkmale der traditionellen skandinavischen Möbelherstellung ist die Schwalbenschwanzverbindung. Sie wird meist in Schubladen verwendet und kommt ohne Nägel oder Schrauben aus – ihre Festigkeit liegt in ihrer Form selbst. Bei guter Ausführung hält sie nicht nur jahrzehntelang, sondern wird auch zu einem ästhetischen Detail: Die fein aufeinander abgestimmten “Zähne”, die oft einen Kontrast zur Maserung bilden, zeugen von der Präzision und dem Können des Handwerkers.
Obwohl sie in der Regel in Schubladenkonstruktionen versteckt waren, entschieden sich Designer oft dafür, sie offen zu präsentieren, wie beispielsweise in den legendären modularen Bücherregalen von Mogens Koch. Die Schwalbenschwanzverbindung war zwar charmant, aber kaum revolutionär.
Es gab dänische Designer, die die Kunst des Verbindens fast bis zur Unmöglichkeit perfektionierten – ihre Werke scheinen der Natur und der Schwerkraft selbst zu trotzen. Finn Juhl ist der bekannteste unter ihnen, mit Meisterwerken wie seinem Stuhl Modell 45, wo erstaunlich raffinierte Verbindungen nicht nur als künstlerische Gesten fungieren, sondern als integrale, dauerhafte Elemente der Konstruktion.
Finn Juhl, Stuhlmodell 45
Weitere Meister waren Kai Kristiansen, Hans Wegner und Johannes Andersen, der selbst viele Jahre lang als Tischler tätig gewesen war.
Hans Wegner, Sawbuck-Stuhl und Kai Kristiansen, Stuhl Modell 42
Respekt für Handwerk und Zusammenarbeit
Diese Meisterwerke der Tischlerei hätten niemals allein auf dem Reißbrett eines Designers entstehen können. Jeder der führenden dänischen Designer arbeitete eng mit einem vertrauten Tischler zusammen – sie holten sich Rat, besuchten die Werkstatt und schlossen oft lebenslange Freundschaften, die auf gegenseitigem Respekt beruhten.
Der Workshop wurde zu einem wahren Laboratorium für Zusammenarbeit und Experimente. In einigen Fällen wagten sich diese Handwerker selbst an das Entwerfen von Möbeln und erzielten dabei bemerkenswerte Erfolge. Heute erzielen ihre Kreationen Preise, die mit denen der berühmten Designer vergleichbar sind, denen sie einst assistierten.
Hans Wegner arbeitete jahrelang mit Andreas Tuck zusammen, Finn Juhl mit Niels Vodder und Arne Jacobsen mit den Nachkommen des Kopenhagener Meisters Fritz Hansen, dessen Werkstatt auch viele andere prominente dänische Designer willkommen hieß.
Geformte Griffe – Details, die mehr aussagen als Logos
In einer Zeit, in der Möbel keine sichtbaren Markenzeichen trugen, waren es die Details, die für Qualität sprachen. Eines der charakteristischsten Merkmale ist der integrierte Holzgriff – ein Markenzeichen des dänischen und schwedischen Designs der 1960er Jahre.
Diese Griffe sind direkt in das Massivholz einer Schubladenfront oder Schranktür geschnitzt, folgen nahtlos den Linien des Möbelstücks und sind oft an die Hand des Benutzers angepasst. Sie verkörpern einen subtilen Luxus, der niemals alt wird.
Massivholzgriff an einer dänischen Kommode
Massivholz – aber nicht aus der Region
Wie bereits erwähnt, war Dänemark nicht reich an Holzressourcen. Designer mussten auf Importe aus dem fernen Asien zurückgreifen, weshalb dänische Möbel aus der Mitte des Jahrhunderts so stark mit einer einzigen Holzart assoziiert werden: Teakholz.
Teakholz ist bemerkenswert – mit seiner hohen Strapazierfähigkeit, seinen natürlichen Ölen und seinem hohen Siliziumdioxidgehalt ist es sowohl gut zu bearbeiten als auch wasserbeständig. In den Nachkriegsjahren war es zudem relativ günstig aus Asien zu beziehen.
Dänische Designer liebten edle exotische Hölzer wie Teak, Mahagoni und Rosenholz. Eiche kam ebenfalls zum Einsatz, war jedoch bei weitem nicht die erste Wahl. Betrachtet man die ikonischen Regalsysteme von Poul Cadovius oder Kai Kristiansen, kann man mit Sicherheit sagen, dass von 100 Einheiten 80 aus Teakholz, 15 aus Palisander und vielleicht 5 aus Eiche gefertigt wurden – Walnussholz kam nur gelegentlich zum Einsatz. Die gleichen Verhältnisse gelten im Großen und Ganzen auch für andere dänische Möbel aus der Mitte des Jahrhunderts.
In den 1970er und 1980er Jahren war die Produktion jedoch zunehmend auf Massenware ausgerichtet. Massivholz wurde durch Holzwerkstoffe und Laminate ersetzt.
Langlebigkeit als Philosophie
In der skandinavischen Handwerkskunst sollten Möbel Generationen überdauern. Eine erstaunliche Menge der Mitte des Jahrhunderts hergestellten Möbelstücke ist noch heute in Gebrauch. Selbst Stücke, die in schlechtem Zustand zu uns gelangen, können restauriert werden, um noch Jahrzehnte lang genutzt zu werden.
Langlebigkeit war nie nur ein nachträglicher Gedanke – sie war das eigentliche Ziel. Es ging nicht einfach darum, Gewinn zu machen, einem Trend zu folgen oder sicherzustellen, dass ein Produkt in den Kofferraum eines Autos passt. Diese Objekte wurden so konzipiert, dass sie zeitlos sind. Die Designer investierten viel in Prototypen, testeten sie in ihren eigenen vier Wänden und verfeinerten sie immer wieder.
Hans Wegner war ein Meister dieses Ansatzes. Weltweit bekannt als “The Chair Guy” und gefeiert als Virtuose der Stühle, beklagte er sich oft, dass er noch nicht den perfekten Stuhl entworfen habe – und verbesserte seine Modelle unermüdlich weiter.
Diese Philosophie und Handwerkskunst sind es, die wir heute so sehr bewundern – und die immer seltener werden.
Ein besonders bemerkenswertes Beispiel ist FDB, eine 1942 gegründete dänische Möbelgenossenschaft. Ihre Mission war es, schöne und zugleich funktionale Möbel nicht nur für die Wohlhabenden, sondern auch für normale Menschen zu schaffen. Man könnte sagen, es handelte sich um Möbel für den dänischen “Durchschnittsbürger”. Die Qualität, die sie für den Massenmarkt lieferten, ist bis heute nahezu unübertroffen, und FDB-Möbel – insbesondere die von Børge Mogensen – erzielen heute Preise im Bereich von mehreren bis zu mehreren Zehntausend Euro.
Eiche Esstisch von Børge Mogensen für FDB
Schlussfolgerung
Eine fein gearbeitete Verbindung oder ein geformter Griff sind mehr als nur das Ergebnis geschickter Handarbeit – sie sind auch ein Zeichen für Langlebigkeit, Verantwortung und Respekt vor den Materialien.
Aus diesem Grund sind Vintage-Möbel aus Dänemark und Schweden nach wie vor begehrt, werden restauriert und stolz in modernen Innenräumen präsentiert. Ihr Wert ist in den letzten zwei Jahrzehnten erheblich gestiegen, und da sie immer bekannter werden, wächst die weltweite Nachfrage weiter.
Wir sehen sie nun zunehmend in Filmen, Werbungen und Zeitschriften. Mit etwas Glück kehrt die Welt bald zu dieser Art der Produktion zurück – einer Produktion, die auf Qualität und Langlebigkeit basiert.













